Die Erfassungsstation am Bienenstand Ladenburg besteht aus einem Raspberry Pi 3B+ mit der Open-Source-Software BirdNET-Pi (github.com/Nachtzuster/BirdNET-Pi), einem omnidirektionalen Mikrofon BOYA BY-LM40 sowie einer autarken Energieversorgung aus einem Solarpanel (enjoy solar PERC Mono 100W) und einer Powerstation (CTECHi GT200Pro, 320 Wh). Die Datenübertragung erfolgt über einen 4G-WLAN-Router (TP-Link M7350) an die BirdWeather-Plattform (Station #1191). Die KI-gestützte Arterkennung basiert auf dem Modell BirdNET_GLOBAL_6K_V2.4_Model_FP16, das über 6.000 Vogelarten weltweit erkennt.
Die Station erfasst kontinuierlich rund um die Uhr. Jeder Nachweis umfasst Art, Datum, Uhrzeit und einen KI-Konfidenzwert (0–1). In die Auswertung einbezogen wurden nur Nachweise mit einer Mindestkonfidenz von 0,7. Beide Jahresdatensätze wurden manuell validiert und auf Vollständigkeit geprüft.
| Kennzahl | 2024 | 2025 | Δ |
|---|---|---|---|
| Gesamtnachweise | 492.365 | 522.357 | +6,1% |
| Erfasste Vogelarten | 119 | 132 | +13 |
| Arten in beiden Jahren | 113 | – | |
| Neuarten 2025 | – | 19 | +19 |
| Nur 2024 erfasst | 6 | – | −6 |
| Ø KI-Konfidenz | 0,852 | 0,867 | +1,8% |
| Offline-Tage | 1 | 2 | +1 |
| Stationsverfügbarkeit | 99,7% | 99,5% | – |
| Stärkster Monat | Mai (70.702 NW) | Mai (110.128 NW) | +55,7% |
| Nachtanteil (0–4 Uhr) | 4,1% | 11,4% | +7,3 PP |
Die Station zeigte in beiden Jahren eine außergewöhnliche Betriebsstabilität. Bei insgesamt 730 Erfassungstagen gab es lediglich drei Offline-Tage (1 in 2024, 2 in 2025), was einer Gesamtverfügbarkeit von 99,6% entspricht. Die Gesamtzahl der Nachweise stieg von 2024 auf 2025 um 6,1%, die Artenzahl um 13 Arten. Besonders auffällig ist die nahezu Verdreifachung des Nachtanteils, die auf die akustische Dominanz der Nachtigall sowie den Erstnachweis des Waldkauzes zurückzuführen ist.
Das akustische Aktivitätsprofil beider Jahre zeigt einen ausgeprägten Morgenchor zwischen 6 und 9 Uhr mit einem absoluten Maximum von 43.440 Nachweisen in der Stunde 7 Uhr im Mai 2025. Der Tagesgang ist typisch für mitteleuropäische Singvogelgemeinschaften mit zwei Aktivitätsgipfeln (Morgen und Abend) und einem Aktivitätstal zwischen 13 und 16 Uhr. 2025 weicht durch die Nachtigall erheblich ab: Die Stunden 0–4 Uhr zeigen im Mai und Juni orangerote Werte im Radar-Farbschema, die einem akustischen Nachtbetrieb entsprechen, der in dieser Intensität 2024 nicht vorhanden war.
| Art | 2024 | 2025 | Trend |
|---|---|---|---|
| Nachtigall (Luscinia megarhynchos) | 48.981 | 156.529 | +220% |
| Elster (Pica pica) | 57.207 | 63.070 | +10% |
| Kohlmeise (Parus major) | 62.336 | 50.733 | −19% |
| Amsel (Turdus merula) | 48.848 | 41.801 | −14% |
| Blaumeise (Cyanistes caeruleus) | 46.920 | 28.068 | −40% |
| Ringeltaube (Columba palumbus) | 29.209 | 32.495 | +11% |
| Rotkehlchen (Erithacus rubecula) | 33.388 | 26.708 | −20% |
| Zilpzalp (Phylloscopus collybita) | 28.921 | 23.361 | −19% |
Die dominierende Stellung der Nachtigall in 2025 ist das prägende Merkmal des Jahres. Mit 156.529 Nachweisen – entsprechend 30% aller Jahreserfassungen – entstand eine akustische Monokultur im Frühjahr. Ein Brutpaar hatte sich direkt im Wirkungsbereich des Mikrofons angesiedelt und erzielte am aktivsten Tag (25. April) 6.940 Nachweise. Im Vergleich: Die dominante Art in 2024 war die Kohlmeise mit lediglich 12,7% Jahresanteil.
Ein zentraler Befund der phänologischen Auswertung ist die frühere Ankunft der Nachtigall in 2025: Der Erstnachweis erfolgte am 26. März (14:34 Uhr, Konfidenz 0,959) gegenüber dem 6. April in 2024 – ein Unterschied von elf Tagen, der mit dem milderen Vorfrühling 2025 im Rheingraben korreliert. Weitere phänologische Highlights:
Besonders auffällig ist das vollständige Ausbleiben des Teichrohrsängers im Brutmonat Juni 2025: 2024 wurden 92 Nachweise im Juni registriert, 2025 kein einziger. Da die Art strikt an Schilf gebunden ist, liegt ein lokaler Habitatverlust (Veränderung des Röhrichtgürtels am Standort) nahe.
Im Zweijahres-Datensatz wurden insgesamt 17 Rote-Liste-Arten erfasst, was einem Anteil von 12,3% aller nachgewiesenen Arten entspricht:
| Art | RL-Status | NW 2024 | NW 2025 |
|---|---|---|---|
| Feldlerche (Alauda arvensis) | Kat. 1 | 10.877 | 604 |
| Grauammer (Emberiza calandra) | Kat. 1 | 1 | 0 |
| Wiesenpieper (Anthus pratensis) | Kat. 2 | 465 | 320 |
| Kiebitz (Vanellus vanellus) | Kat. 2 | 6 | 15 |
| Bekassine (Gallinago gallinago) | Kat. 2 | 45 | 38 |
| Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) | V | 18.564 | 13.729 |
| Mauersegler (Apus apus) | V | 422 | 455 |
| Rauchschwalbe (Hirundo rustica) | V | 209 | 553 |
| Turteltaube (Streptopelia turtur) | V | 4 | 23 |
Die hohen Feldlerchenzahlen in 2024 (10.877 NW) sind auf einen starken Frühjahrszug zurückzuführen, nicht auf eine Brutpopulation am Standort. Das starke Absinken auf 604 NW in 2025 deutet auf einen anderen Zugkorridor in 2025 hin. Positiv hervorzuheben ist der Anstieg bei Rauchschwalbe (+165%) und Turteltaube (+475%) in 2025.
| Metrik | Formel | 2024 | 2025 | Δ | Interpretation |
|---|---|---|---|---|---|
| Shannon H' | −Σ pᵢ·ln(pᵢ) | 2,923 | 2,565 | −0,358 | Rückgang durch Nachtigall-Dominanz |
| Pielou J' | H'/ln(S) | 0,612 | 0,525 | −0,087 | Sinkende Gleichmäßigkeit |
| Hill N1 | e^H' | 18,6 | 13,0 | −5,6 | Effektive Artenzahl (Shannon) |
| Hill N2 | 1/Σpᵢ² | 13,3 | 7,4 | −5,9 | Effektive Artenzahl (Simpson) |
| Berger-Parker | n_max/N | 12,7% | 30,0% | +17,3 PP | Dominanz der häufigsten Art |
Der scheinbare Rückgang aller Diversitätsmetriken von 2024 auf 2025 ist methodisch bedingt und biologisch nicht alarmierend. Die monatliche Auflösung belegt dies eindeutig: Allein der Mai 2025 weist H' = 1,137 und J' = 0,266 auf, weil die Nachtigall 75,8% aller Mai-Nachweise auf sich vereint. In den Monaten ohne Nachtigall-Dominanz (Juli bis Dezember) liegen H' und J' in beiden Jahren auf vergleichbarem Niveau; Oktober und Dezember 2025 übertreffen 2024 sogar.
Positiv hervorzuheben ist der Dezember 2025 mit dem höchsten H'-Wert des gesamten Zwei-Jahres-Datensatzes (H' = 2,610, 85 Arten). Die Vielzahl an Wintergästen und Durchzüglern – Waldkauz, Weißwangengans, Singschwan, Merlin – erzeugte eine ausgeglichene Wintergemeinschaft, die biologisch plausibel und als positives Signal zu interpretieren ist.
Die Wetterkarten-Darstellung (Stunde × Monat) zeigt mehrere statistisch auffällige Korrelationen zwischen meteorologischen Ereignissen und der akustischen Erfassungsrate:
| Ereignis | Zeitraum | Auswirkung |
|---|---|---|
| Kältewelle Baden-Württemberg | Januar 2026 | Aktivität 241–563 NW/Tag statt ~1.100 (Median) |
| Eisheilige (Mamertus–Kalte Sophie) | 11.–15. Mai 2026 | Einbruch auf 350–467 NW/Tag; taggenau korreliert mit DWD-Daten. Stärkste Wetter-Korrelation im Datensatz. |
| Frühjahr 2025 (milder Vorfrühling) | März 2025 | Nachtigall-Erstankunft 11 Tage früher als 2024 |
| Herbst 2024 | Sep–Okt 2024 | Intensiver Herbstchor Rotkehlchen/Singdrossel bei 6–7h, 2025 deutlich schwächer |
Die Tatsache, dass meteorologische Ereignisse im Datensatz so klar ablesbar sind, ist ein Qualitätsmerkmal der Station: Die Erfassung reagiert biologisch plausibel auf äußere Bedingungen und bildet keine technischen Artefakte ab. Anthropogene Störfaktoren durch reguläre Imkerei- und Pflegearbeiten am Bienenstand sind in allen Erfassungsjahren als gleichmäßig anzunehmen und beeinflussen Jahresvergleiche nicht systematisch.
Die verfügbaren Daten aus Q1+Q2 2026 (220.600 Nachweise, ca. 110 Arten) deuten auf eine Fortsetzung mehrerer Trends hin. Besonders auffällig ist die Mönchsgrasmücke mit 34.977 Nachweisen in nur sechs Monaten (+226% gegenüber dem Vorjahreszeitraum), was erneut auf ein Brutpaar direkt am Mikrofon hindeutet und 2026 ähnliche Effekte auf die Diversitätsmetriken erwarten lässt wie die Nachtigall in 2025.
Die Klappergrasmücke setzt ihren Rückgang fort (98 NW Q1+Q2 2026 gegenüber 268 im Vorjahreszeitraum), ebenso der Teichrohrsänger (nur 10 NW in Q1+Q2 2026). Beide Arten sollten in der Vollauswertung 2026 als Schwerpunkte behandelt werden.
Positiv: Der Gartenrotschwanz erreicht in Q1+Q2 2026 bereits 10.432 Nachweise und bestätigt damit seinen Aufwärtstrend als konstantesten positiven Befund des Dreijahres-Datensatzes.
Das automatische BirdNET-Pi-Monitoring am Bienenstand Ladenburg hat sich in zwei vollständigen Betriebsjahren als außerordentlich leistungsfähiges und zuverlässiges Citizen-Science-Instrument erwiesen. Mit 1.014.722 validierten Nachweisen aus 138 Vogelarten, einer Stationsverfügbarkeit von 99,6% und einer Vielzahl ornithologisch bedeutsamer Befunde – von der Phänologie der Nachtigall über Rote-Liste-Arten bis hin zum Erstnachweis des Waldkauzes – liefert der Standort einen wertvollen Beitrag zur Dokumentation der Vogelwelt im Neckar-Raum.
Die Stärke des Datensatzes liegt in seiner zeitlichen Dichte und Kontinuität: Kein menschliches Beobachtungsprogramm könnte 24 Stunden täglich, 365 Tage im Jahr mit vergleichbarer Konsistenz erfassen. Diese Eigenschaft ermöglicht es, sowohl tagesrhythmische als auch phänologische und wetterbedingte Muster mit hoher Präzision zu detektieren.
Mit dem Fortschreiten der Zeitreihe – ab 2027 werden vier vollständige Jahrgänge vorliegen – wird der Datensatz für Trendaussagen zunehmend belastbarer. Die BAM-Station Ladenburg entwickelt sich damit zu einem wertvollen Langzeit-Monitoring-Instrument für die Biodiversitätsdokumentation im Rhein-Neckar-Raum.